Führungskarriere mit Kindern: Interview mit Anne Bäumler
27. März 2026 | Mareike List
Führung und Familie zusammenzubringen, wirkt für viele wie ein ständiger Spagat. Anne Bäumler zeigt, dass es auch anders gehen kann: klar, flexibel und ohne den Anspruch, alles perfekt machen zu müssen.
Sie spricht im Interview darüber, wie Verantwortung in ihrer Familie bewusst geteilt wird, warum ein verlässliches Netzwerk im Alltag so wichtig ist und weshalb innere Klarheit für sie eine zentrale Grundlage für Vereinbarkeit ist.
Anne Bäumler ist Gewinnerin des Female Leader Award bei Miss Germany 2026 und Gebietsverantwortliche bei dm-drogerie markt.
Im Interview: Anne Bäumler
Das Wichtigste auf einen Blick
✓ Führungskarriere mit Kindern braucht keine Perfektion, sondern flexible Strukturen.
✓ Anne und ihr Mann tragen gemeinsam die Care-Verantwortung. Wichtig ist ihnen, dass keiner dauerhaft zurücksteckt.
✓ Ein bewusst aufgebautes Netzwerk aus Freunden und Bekannten entlastet sie im Alltag.
✓ In ihrer Führungsrolle bittet sie Kolleg:innen bewusst um Unterstützung und gibt gezielt Aufgaben an ihr Team ab.
✓ Kleine Ruhemomente und bewusste Zeiten für Selbstfürsorge helfen ihr, in stressigen Phasen innere Klarheit zu behalten und handlungsfähig zu bleiben.
1. Gratulation zu deinem Gewinn des Female Leader Awards bei Miss Germany 2026. Was war deine Motivation, bei dem Wettbewerb mitzumachen und was war eines deiner wichtigsten Learnings aus dieser Zeit?
Meine Motivation, bei dem Wettbewerb mitzumachen, war unter anderem, dass ich durch meinen Start auf Social Media gemerkt habe, wie viele Rückfragen es gibt und wie groß die Offenheit gegenüber genau diesen Themen ist: Wie gestalte ich meinen Alltag? Was sind meine Learnings? Und wie ordne ich mich selbst in dieser Situation ein?
Gerade weil ich jetzt mit meinem dritten Kind direkt nach dem Mutterschutz wieder eingestiegen bin, wurde ich oft gefragt, wie ich mich organisiere und wie ich das alles für mich strukturiere. Das hat mir gezeigt, dass ein echter Bedarf da ist, offen darüber zu sprechen.
Mein Antrieb war deshalb auch, diese große Plattform zu nutzen, um genau diese Themen sichtbar zu machen und den Austausch darüber zu fördern so, wie ich es bisher auch schon auf Social Media getan habe.
Mein wichtigstes learning war, dass das was ich tue sich für mich sehr normal anfühlt, für viele Menschen dies aber nicht der Fall ist. Und ich merke, dass es nach wie vor hier immer noch viele struggels gibt, wenn es um die Entscheidung auf dem persönlichen Weg geht.
2. Wie sieht dein persönliches Modell von Karriere mit Kindern aktuell aus?
Aktuell befindet sich mein Mann noch teilweise in Elternzeit. Diese Phase nutzen wir bewusst, um unsere familiären und beruflichen Rollen immer wieder neu abzustimmen. Schon vor der Elternzeit haben uns sehr klare, gemeinsam getragene Strukturen geholfen: Wer übernimmt Früh‑ und Nachmittagsschichten, wer bringt die Kinder, wer holt sie ab, das waren keine Selbstverständlichkeiten, sondern bewusste Absprachen.
Wir haben uns als Paar regelmäßig damit auseinandergesetzt, wie wir gute und tragfähige Rahmenbedingungen schaffen können sowohl privat als auch beruflich. Dabei war uns immer wichtig, dass nicht eine Person dauerhaft zurücksteckt, sondern Verantwortung gemeinsam getragen wird.
Ein weiterer zentraler Baustein ist für uns ein bewusst aufgebautes Netzwerk aus Freunden und Bekannten sowie verlässlichen Kinderbetreuungseinrichtungen. Da wir kein familiäres Netzwerk vor Ort haben, ist dieses „soziale Dorf“ für uns umso wichtiger. Wir unterstützen uns gegenseitig, organisieren zeitweise Betreuung, lassen Kinder im Freundes- und Bekanntenkreis mitbetreuen oder holen sie gegenseitig von Schule und Kita ab.
Der oft zitierte Satz „Für die Kindererziehung braucht es ein ganzes Dorf“ trifft für uns sehr zu. Entscheidend ist, aktiv in ein solches Netzwerk zu investieren und bewusst zu schauen, wie man sich die Rahmenbedingungen zusätzlich erleichtern kann, damit die Last von Betreuung, Übergangs‑ und Abholzeiten nicht auf einzelnen Schultern liegt.
Genau daran knüpfen wir jetzt wieder an, wenn mein Mann zeitnah vollständig in den Beruf zurückkehrt. Unser Ziel ist kein starres Modell, sondern flexible Strukturen, die uns ermöglichen, uns beruflich wie familiär weiterzuentwickeln mit Phasen hoher Belastung, aber genauso bewusst eingeplanten Zeiten der Entlastung.
3. Was genau meinst du mit "flexiblen Strukturen"? Und wie geht ihr ganz konkret damit um, wenn bei euch beiden gleichzeitig beruflich viel von euch gefordert wird?
Für mich bedeutet das vor allem die Erkenntnis aus den letzten Jahren, dass es nichts bringt, starr an Plan A oder B festzuhalten. Vielmehr braucht es die Bereitschaft, Entscheidungen immer wieder neu zu bewerten und flexibel anzupassen.
Gerade im Alltag mit Kindern zeigt sich das ganz konkret zum Beispiel beim Thema Abholen: Berufliche Prioritäten können sich kurzfristig verschieben, Termine kommen dazwischen, und genau dann ist es wichtig, sowohl auf Arbeitgeberseite Akzeptanz und Verständnis zu haben, als auch im eigenen Umfeld ein starkes, flexibles Netzwerk, das im Zweifel spontan unterstützen kann.
Gleichzeitig ist das auch ein wichtiges Learning als Führungskraft: Natürlich kann und sollte man mit Prioritäten arbeiten, sich A-, B- oder C-Listen setzen. Aber der Alltag zeigt einem immer wieder, dass nicht alles planbar ist. Umso wichtiger ist es, flexibel zu bleiben und sich selbst nicht unter Druck zu setzen, wenn Dinge anders laufen als gedacht. Genau darin liegt für mich eine große Stärke.
Im Spannungsfeld zwischen Familie und Karriere war für mich immer wieder klar, dass bestimmte Aufgaben im Job auch warten können. Gleichzeitig gibt es natürlich Situationen, in denen etwas beruflich sehr dringlich ist und genau in diesen Momenten habe ich gelernt, nicht automatisch die Familie hintenanzustellen.
Stattdessen greife ich bewusst auf mein Team zurück, bitte Kolleginnen und Kollegen um Unterstützung und gebe Aufgaben auch mal ab. Das war ein wichtiger Schritt für mich: zu verstehen, dass ich nicht alles alleine tragen muss.
Diese Flexibilität zu entwickeln, hat mir sehr geholfen. Und vor allem die Erkenntnis, dass es keine Schwäche ist, um Hilfe zu fragen, sondern im Gegenteil eine echte Stärke.
4. Was hilft dir am meisten, damit Vereinbarkeit im Alltag funktioniert?
Was mir am meisten hilft, ist Klarheit und Ruhe bei mir selbst. Ich habe für mich gelernt, dass ich nur dann gut für mein Umfeld da sein kann, für meine Familie genauso wie für mein berufliches Umfeld, wenn ich innerlich klar bin, Verantwortung bewusst übernehme und mir immer wieder Phasen des Innehaltens erlaube.
Vor zwei Jahren habe ich mich deshalb ganz bewusst für eine Yogalehrerausbildung entschieden. Nicht, um einen weiteren Anspruch an mich zu formulieren, sondern um mir selbst Werkzeuge für Regeneration und Fokussierung zu geben. Diese bewussten Ruhemomente helfen mir, Kraft zu sammeln, mich neu auszurichten und mit Klarheit in anspruchsvolle Phasen zu gehen.
Im Alltag sind es oft ganz kleine Dinge: kurze Yoga‑ oder Atemeinheiten, einzelne Asanas zwischendurch, ein bewusstes Innehalten. Gerade in den oft intensiven Übergängen zwischen Kinderalltag und Berufsleben helfen mir diese Momente, mich neu zu sortieren, präsent zu bleiben und handlungsfähig zu bleiben, statt nur zu funktionieren.
Für mich ist Vereinbarkeit deshalb kein perfektes Modell, sondern ein innerer Zustand, der immer wieder neu hergestellt werden darf. Aus dieser inneren Ruhe heraus entstehen dann gute Entscheidungen, für mich selbst und für die Menschen, für die ich Verantwortung trage.
5. Gab es Momente in deinem Leben, in denen du gezweifelt hast, dass Karriere und Familie wirklich vereinbar sind? Und was hat dir in diesen Phasen geholfen?
Bisher würde ich gar nicht von klassischen Struggles sprechen, sondern eher von einem Auf und Ab mit Höhen und Tiefen, die einfach dazugehören. Es gab immer wieder Momente, in denen ich gemerkt habe, dass es mir gesundheitlich nicht ganz so gut geht und dass meine Selbstfürsorge in dem Moment zu kurz kommt. Das waren dann auch die Punkte, an denen ich bewusst einen Schritt zurückgegangen bin.
Zweifel an meinem Weg hatte ich allerdings nie. Für mich hat sich das alles immer richtig und stimmig angefühlt.
Ich glaube, das liegt auch daran, dass mein Job für mich nie einfach nur ein Job war, sondern immer etwas, das für mich Sinn ergibt und mich wirklich erfüllt. Genau dieses Gefühl hat mich durch alle Phasen getragen.
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6. Wenn du an deine eigene Entwicklung als Mutter und Führungskraft denkst: Was hat dich am meisten überrascht?
Am meisten hat mich tatsächlich überrascht, wie wenig wir als Gesellschaft offen über die Herausforderungen sprechen, die mit den Themen Familie und Muttersein gerade in Kombination mit Karriere oder auch einer Führungsrolle einhergehen. Nach außen wird oft ein sehr perfektes Bild vermittelt, während die schwierigen Momente nur selten geteilt werden.
Für mich persönlich war es als Führungskraft ein großes Learning zu erkennen, dass ich noch viel mehr abgeben kann und auch muss. Gerade nach meiner ersten Schwangerschaft habe ich gemerkt, wie wichtig Verlässlichkeit und Vertrauen im Team sind und wie sehr ich mich darauf auch wirklich einlassen darf.
Auf der anderen Seite, im Muttersein, hat es von mir vor allem mehr Ruhe und Geduld gebraucht. Ich musste lernen, dass sich viele Dinge nicht sofort erledigen lassen. Gerade am späten Nachmittag gibt es Momente, in denen das Telefon auch einfach mal klingeln muss und Themen, die keine hohe Priorität haben, bewusst auf einen anderen Tag verschoben werden dürfen.
7. Was ist dein wichtigstes Learning oder ein Rat, den du anderen Müttern mitgeben würdest?
Mein wichtigstes Learning ist: Sei du selbst und höre ehrlich in dich hinein. Frag dich, was du wirklich möchtest und was du brauchst. Wer bist du, wenn du nicht nur funktionierst – sondern einfach bist?
Ich habe gelernt, dass wir Frauen uns oft selbst den größten Druck machen. Wir wollen alles richtig machen, perfekt sein, Erwartungen erfüllen, im Beruf, in der Familie, im Umfeld. Dabei versuchen wir häufig, es allen recht zu machen, nur uns selbst nicht. Genau hier beginnt der innere Konflikt.
Aus diesem Anspruch entsteht ein permanenter Druck, der uns in ein Hamsterrad bringt: funktionieren, leisten, beweisen. Auf Dauer ist das weder gesund noch erfüllend. Perfektion ist kein Ziel, das uns trägt. Echtheit und Selbstverantwortung schon.
Deshalb möchte ich anderen Frauen immer wieder mitgeben: Hör in dich hinein. Frag dich bewusst, was du jetzt brauchst und was für dich stimmig ist nicht, was von außen erwartet wird oder wem du gefallen möchtest. Du musst es nicht allen recht machen. Der wichtigste Mensch, dem du gerecht werden darfst, bist du selbst.
Nicht einfach, aber Goldwert diese Fragen 🙏
Fazit
Anne Bäumler macht in diesem Interview sichtbar, worauf es im Alltag mit Kindern und Führungsverantwortung wirklich ankommt: Es braucht klare Absprachen, ein zuverlässiges Unterstützungsnetzwerk und die Bereitschaft, Dinge immer wieder neu anzupassen.
Wichtig ist, immer wieder ehrlich in sich hineinzuhören und sich zu fragen: Was passt zu meiner Familie, was entlastet mich wirklich und was braucht es für mich persönlich, damit Beruf und Privatleben auf Dauer gut miteinander funktionieren?
Gleichzeitig wird auch deutlich, wie wichtig es für Anne ist, dass ihr Beruf sich für sie sinnvoll und erfüllend anfühlt. Genau dieses Gefühl trägt Anne durch anstrengende Phasen.
Über Anne Bäumler
Anne Bäumler ist Gewinnerin des Female Leader Award bei Miss Germany 2026 und Gebietsverantwortliche bei dm-drogerie markt.
Als Speakerin spricht sie offen über das, was viele Mütter beschäftigt: die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Alltagsorganisation und Selbstfürsorge.
Mit ihrem ganz persönlichen Modell zeigt sie, wie eine Führungskarriere mit Kindern aussehen kann, ohne immer perfekt sein oder es allen recht machen zu müssen.
Ihr Credo: “Der wichtigste Mensch, dem du gerecht werden darfst, bist du selbst.”
Hi, ich bin Mareike, systemische Coach & Expertin für berufliche Neuorientierung.
Ich zeige Frauen mit Berufserfahrung, wie sie sich neu aufstellen können. Ohne Bewerbungsfrust. Dafür mit starkem Netzwerk, Klarheit und echtem Selbstvertrauen.
In meiner Freizeit lese ich gerne - meistens zwei bis drei Bücher gleichzeitig 😉 Oder baue mit meinem Sohn Bagger-Rampen im Sandkasten.
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